Keynes und das Bloomsbury Set  


John Maynard Keynes - einer der welt-bekanntesten, einflußreichsten Ökonomen des Jahrhunderts, - und der "Bloomsbury Set"
John Maynard Keynes (1883-1946)
Herausgegeben: Mai 1993


eynes kam am 5. Juni 1883 im Cambridge zur Welt, wo sein Vater Dozent an der Universität und später Registrator war. Von seiner Mutter, der später Burgermeisterin von Cambridge, erbte er das Interesse an sozialen Tageproblemen. Durch seinen Vater und seinen Bekanntenkreis bekam er Interesse für Philosophie und politische Ökonomie.

Maynard Keynes ging nach Eton, wo er Interesse für Mathematik zeigte, und später gewann er ein Stipendium für King's College Cambridge. Sein ganzes Leben lang überwogen seine Interessen immer die für sein direktes Studium oder seine Arbeit. Sein besonderes Interesse galt dem Grenzgebiet zwischen Mathematik und Philosophie, und sein Dissertation schrieb er zur Theorie von Wahrscheinlichkeit (Probability), aber danach widmete er sich intensiver der Volkswirtschaftslehre.

Colin de la Motte-Sherman

Während seines Studiums, traf der freundliche, wahrheitsuchende, streitlustige, Keynes, u.a. mit Lytton Strachey, Leonard Woolf, Adrian und Thoby Bell zusammen, alle zu den "Apostles" (einer "geheimen Gesellschaft") angehörend, dem späteren Kern der "Bloomsbury-Gruppe".

Nach dem Tod ihres Vaters (1904) mieteten die Stephen Kinder, Virginia, Thoby und Vanessa ein Haus am Gordon SquareNr. 46 , im Bloomsbury Viertel, London. Im Februar 1905 gab Thoby diese Adresse als sein offizielles Zuhause bekannt, wo ihn seine Freunde jeden Donnerstag Abend besuchen könnte, und damit begann die "Bloomsbury Gruppe" ihre öffentliche Wirksamkeit.

Die Mitglieder der "Bloomsbury Gruppe" teilten oder entwickelten ähnliche kunstlerische-und, Lebensverhalten. Zum Kreis gehörten Clive Bell einer der führender Kritiker, Keynes selbst, Leonard Wollf, jetzt unfairereweise immer nur als Mann von Virginia bekannt, - die auch dazu gehörte, Lytton Strachey - später beruhmt für seine Biographien, und Duncan Grant. Verbunden mit der Gruppe waren auch Bertrand Russell, der grosse Philosoph und späterer Friedenskämpfer, und der Schriftssteller E. M. Forster . Strachey, Forster, Grant, und Keynes waren alles Männer, die liebten Männer.

Die diskutierten nicht nur über Gott und die Welt, sondern lasen Stücke zusammen - von Shakespeare bis Ibsen. In der "Bloomsbury Gruppe" entwickelte sich eine Offenheit über Sexualität, die Virginia ein paar Jahre zuvor noch schockiert hätte. Keynes, der aus Indien zurück und in Cambridge tätig war, schrieb an Duncan Grant (1908):

" Lytton (Strachey) ... hat Vanessa (Schwester von Virginia) seine besonders unanständigen Gedichte gezeigt. Sie war entzückt, lernte sie auswendig, und fertiogte Kopien für Virginia und die anderen her. "

Lytton, als der "Super-sodomite von Bloomsbury" bekannt, riß eines Tages mal die Zimmertür auf, bemerkte einen Weißen Fleck auf Vanessas Rock und fragte bloß, "Sperma?" Allgemeine Gelächte. Leonard Woolf bemerkt dazu wie gehemmt sie alle vorher waren: "Mit diesem einen Wort fielen alle Schranken und Zuruckhaltung. ... Sex durchdrang alle unsere Gespräche. Das  Wort 'Sodomite' ("Bugger" - in seiner richtigen Bedeutung, kein Schimpfwort. CMS) war oft auf unseren Lippen. ... Man wundert sich, wie lange wir so zurückhaltend waren."

 

Duncan Grant (später ein bekannter britischer Maler) wird als der charakteristsiche "Bloomsbury Maler" betrachtet, trotz seines späten "Eintritts" in die Gruppe. Keynes sexuelles Verhältnis mit Grant dauerte nur etwa 4 Jahre, aber ihre enge Freundschaft hielt bis zu Keynes' Tod im Jahre 1946. In 1909 teilte Keynes eine Wohnung am Fitzroy Square Nr. 21 mit Duncan Grant. Grant war die emotionale Schlußstein der Bloomsbury Gruppe. Er war charmant, sympathisch, und nett. Keynes schrieb über Duncan: "In Duncan könnte sich jeder verlieben."

Im Februar 1910 besuchte der Kaiser von Äthiopien das neueste und großte Schiff der Königlichen Flotte, man zeigte ihm alle Geheimnisse des Schiffes. Der Kaiser von Äthiopien war aber in Wirklichkeit Anthony Buxton ein Freund des Bloomsbury Gruppe; Adrian Bell, der Dolmetscher, sprach ein Gemisch von Latein und Unsinn, Virginia (noch nicht Woolf), und Duncan Grant mimten mit geschwärzten Gesichtern die Gefolgschaft. Als der Jux bekannt wurde, lachte die ganze Nation, und um die Ehre des Schiffsoffiziere (unter ihnen ein Cousin der Stephens) zu retten, haben sie Grant gekidnappt und eine Jux-Strafe auferlegt.

Ein Jahr nach dem "Dreadnought" Spektakel lief der Vertrag für das Haus am Fitzroy Square aus, und Virginia Stephen übernahm ein vierstöckiges Haus am Brunswick Square Nr. 38 und teilte es unter ihre Freunde auf. Maynard Keynes und Duncan Grant nahmen das Erdgeschoß in Besitz. Virginia den 3. Stock, und ihre zukunftiger Mann Leonard Woolf einige Zimmer im 4. Stock.

 


 

 

 

 

 

 


Colin de la Motte-Sherman

 

Keynes übernahm im Jahre 1912 auch den Chefredakteurposten des Economic Journal den er bis kurz vor seinem Tod innehatte. Durch diese Position bei der Zeitschrift hatte er einen große Einfluß auf jungere Ökonomen.

Seine Fähigkeiten und die Arbeit als Sekretär der Königlichen Ökonomischen Gesellschaft, und als Mitglied einer Königlichen Kommission zur Untersuchung von Indischen Finanzen und Geld erlangte er Ansehen bei verschiedenen hohen Beamten und Politikern; im Januar 1915 wurde er gebeten, in die Königlichen Schatzabteilung zu arbeiten.

Fast alle Männer der Bloomsbury Gruppe waren pazifistisch orientiert, obwohl es nicht alle ablehnte in der Armee zu dienen. Duncan Grant wurde freigestellt, mußte aber ii der Landwirtschaft arbeiten, und zwar auf einer Farm in Sussex, deren Nachbarfarm Vanessa Bell gemietet hatte.

Ab 1916 mietete Keynes das Haus am Gordon Square Nr. 456; dort traf sich eine "erweiterte Bloomsbury Gruppe" häufig zu gemütlichen Runden. Unter ihnen war Lydia Lopokova, Prima Dona bei der Diaghilev Tanz Company.

Während des 1. Weltkrieges half er, - auf Vorschlag von Duncan Grant, der französischen Regierung bei Liquiditätsproblemen durch deb Ankauf von Gemälden Degas' für die Britische Nationalgalerie.

1919 war Versailles Tagungsort der Friedenskonferenz, an der Keynes teilnahm, und manchmal den Schatzkanzler Obersten Wirtschaftsrat vertrat, er war aber nicht in der Lage, direkten Einfluß auf die Reparationskommission zu nehmen. Er geriet immer mehr in offenen Konflikt mit den Vorgeschläge der Kommission in puncto Grenzen und Reparationen. Er war von der Ungerechtigkeit der Vorschläge überzeugt und daß sie den wirtschaftlichen Wiederaufbau gefährden würden.

Er trat zurück, und mit der Unterstützung von Jan C. Smuts (damals Premier von Südafrika) veröffentlichte er eine Broschüre mit dem Titel "Die ökonomischen Konsequenzen des Friedens." (1919). Die Schrift verursachte scharfe Kontroversen in den USA und Europa wegen der darin geäußerten scharfen Kritik am Friedensvertrag. Auch nach 27 Jahren - 1946 - behauptet man wiederum, daß seine Kritik an den Friedensstiftern die Quelle (!) für das Desasters der später überrollte Europa gewesen sei, aber die Ablehnung der Friedensverträge durch die USA stand schon vorher fest. Keynes war jedoch ab sofort das Zentrum der Kontroverse über den wirtschaftlichen Wiederaufbau.

Nach dem Krieg gründete der Freundeskreis - u.a. die Woolfs, Maynard Keynes, Strachey, Duncan Grant, Morgan Forster, Clive und Vanessa Bell - einen "neuen" Club - das Memoiren Club. dessen einzige Regel es sein sollte, daß die Mitglieder sagen könnten, was sie wollten.

Keynes war - wie so viele in seinem Kreis - ein grßer Verehrer des Balletts. Virginia Woolf besuchte Keynes, um Lopokova als mögliche Braut einzuschätzen. "Da Maynard ein einfache Mensch ist, " schrieb sie, "würde er hoffnungslos untergehen ehe er wach wird. Und wenn er aufwachte, würde er 3 Kinder und sein ganzes Leben unter Kontrolle vorfinden." Obwohl Lopokova bezauberte die Gäste bei Maynards Dreikönigsnacht Party (1923), fällte Virginia das harte Urteil, "Sie hat nicht einmal zwei vernünftig begründete Idee im Kopf.".

Keynes, durch sein schriftstellerische und ökonomische Gewandtheit nicht gerade arm geworden, war inzwischen Hauptaktienbesitzer der Zeitschrift, The Nation, und bot Leonard Woolf die Stelle des "Literartur Chefredakteurs" annahm die dieser annimmt. Trotz vieler Arbeit im Zusammenhang mit seinem eigenen Verlag Hogarth Press, bleibt Leonard Woolf bis 1930 bei der Nation .

Eine Veröffentlichung, die dem Hogarth Press Verlag viel Arbeit brachte, war "Die ökonomischen Konsequenzen von Mr. Churchill" wo Keynes die wahrscheinlich mit der Rückkehr zum Goldstandard entstehenden Probleme behandelte . Keynes stand im Zentrum einer heftigen Auseinandersetzung über die Wiedereinführung des Goldstandards (für Währungen); er war strikt dagegen.

In September 1923 weilten Leonard und Virginia Woolf und Lydia Lopokova zusammen in Lulworth (Süd Küste von England) auf dem Landsitz von Maynard Keynes . Keynes heiratete Lopokova in August 1925.

Keynes war davon überzeugt daß der Massenarbeitslosigkeit eine Ende gesetzt werden könnte, wenn nur der Wille dazu vorhanden wäre, und er unterstützte den Liberal Lloyd George in der Wahl von 1929. (Die britische Liberale Partei hatte im ersten Drittel dieses Jahrhunderts starke sozialdemokratische Tendenzen). Er schlug die Stabilisierung von Preisen, internationale finanzielle Zusammenarbeit vor. Des weiteren sollte die Regierung gesteuerte Investitionen machen. Heute erscheint das als nichts Ungewöhnliches, aber damals stieß "public works investment" auf heftige Widerstand.

Das "typische" Verhalten von Keynes zeigte sich, als er "Finanzchef" seines alten College im Cambridge (Kings) wurde. Er investierte Geld, machte das College reicher und bestand dann darauf, daß das großerer Einkommen für "gute Zwecke" ausgegeben werden soll . In Cambridge war Keynes die treibende Kraft hinter einem Projekt zur Finanzierung von Kunst, und das Cambridge Arts Theatre ließ er fast völlig aus seinen eigenen Mitteln erbauen.(1935)

"Im Jahre 1936 wurde Keynes' "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, Zinsen, und Geld" veröffentlicht. Dies hattte einen ähnlichen großen Einfluß in der Mitte des 20. Jahrhunderts wie Adam Smith's "Wealth of Nations" im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert." (1)

"Das gravierende Schwäche des Kapitalismus reicht nicht aus zum Verständnis dessen, wie das kapitalistische wirtschaftliche System funktioniert ... bis 1930 die Fluktuationen (Andere nennen es Krisen. CMS) die Pest der Volkswirtschaft. Lord Keynes, hat einen immensen Beitrag zum Verständnis dieser Probleme geleistet."(2)

1937 hatte er eine ernste Herzkrankheit und mußte fast alle seine Aktivitäten in der Finanzwelt aufgeben. Trotzdem nahm er an, als man ihn bat 1940 nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges Berater der Schatzkanzlei zu werden. 1942 wurde in den Adelsstand erhoben.

Zwei Jahre später spielte er eine führende Rolle bei der Bretton Woods Konferenz, auf der seine Ideen teilweise verwirklicht wurden, und zwar im "International Monetary Fund" und in der "Bank for Reconstruction and Development" (Bank für Wideraufbau und Entwicklung), die beide dazu dienen sollten, die "Fluktuation" zu kontrollieren.

Im gleichen Jahr veröffentlichte die von Churchill geleitete Regierung ein Dokument zur Vollbeschäftigungspolitik, das die von Keynes in den 30er Jahren fast allein vertretenen Thesen zur "Staatsdoktrin" erhob.

"Man kann sagen, daß sein Optimismus und seine Entschlossenheit die Einstellung gegenüber der Arbeitslosigkeit verändert, und sie von der Liste der unvermeidbaren Katastrophen, die fatalistisch akzeptiert werden müssen, gestrichen hat und sie ins Reich der Dinge gerückt hat, die vom menschlichen Denken kontrolliert können. ." (3)

Na ja, Mann kann nicht immer recht haben.

Colin de la Motte-Sherman
Mai 1993


Zitate

(1 & 2)

"An Economic and Social History of Britain since 1700" William L. Flynn, MacMillan, 1963.

(3) British National Bibliography

 
 
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